Monatsarchiv: Juli 2011

Veronika beschließt zu sterben.

„Wie fühlst du dich?“ – „Als könnte ich ewig leben.“

Veronika ist jung, hübsch, erfolgreich – und beschließt zu sterben. Nach einer Tablettenüberdosis kommt sie in einer psychiatrischen Privatklinik wieder zu sich. Dort eröffnen ihr die Ärzte, dass sie aufgrund der Folgeschäden nicht mehr lange zu leben hat. Nach anfänglicher Beruhigung, dass ihr Plan doch noch aufgehen und sie sterben wird, beginnt Veronika zu leben, während sie auf ihren Tod wartet.

Ich habe eben diesen Film gesehen und weiß gar nicht, was ich sagen soll. Er war mit Sicherheit kein Blockbuster und im Mittelteil für viele bestimmt zu zäh. Aber er hält ein Geschenk bereit, für jeden, der ihn bis zum Ende sieht.                          Ich weiß nur, dass ich etwas von diesem Film auf diesem Blog verewigt haben möchte.  Ich wollte ihn lange sehen, aber war nie in der richtigen Stimmung dafür. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst davor.

Ich kannte die Geschichte des Filmes, die auf einem Buch von Paulo Coelho basiert. Um ehrlich zu sein, war ich mir nicht sicher, ob Sarah Michelle Gellar diese Veronika spielen kann. Damit ich nicht falsch verstanden werde – Sarah Michelle Gellar ist die Einzige, die ich mir als Buffy vorstellen kann. Sie ist wunderbar für diese Rolle und spielt auch in Buffy (besonders in späteren Staffeln) schwierige und emotionale Parts, die sie gut meistert. Aber sie als junge Frau zu sehen, die versucht Suizid zu begehen, und als Schauspielerin, die einen sehr stillen Film tragen kann, das konnte ich mir nicht vorstellen.                            Sie hat mich aufgewühlt zurückgelassen. Sie spielt nicht aufgringlich, nicht so intensiv wie beispielsweise Winona Ryder eine vielleicht in gewisser Weise vergleichbare Rolle in „Girl, interrupted“, aber sie spielt ehrlich. Sie spielt eine Veronika, wie sie vermutlich gedacht war. Ich könnte jetzt darüber schreiben, wie ich mich in ihrer Veronika wiederfand, aber das würde zu persönlich werden.

Ich wollte zuerst den Trailer des Films vor diesen Blogeintrag setzen, entschied mich dann jedoch für das Klavierstück, das Veronika in der Mitte des Filmes spielt. Es drückt so viel mehr aus, worum es wirklich geht. Die Intensität der einzelnen Momente, die das Leben bereithält. Die Sonnenstrahlen, die man auf der Haut spürt, die Farben, die der Himmel annimmt, kurz bevor der Mond aufgeht, das leichte Erschauern, wenn dich jemand lustvoll im Nacken berührt. All diese Momente, denen man so selten Beachtung schenkt. Das und viel mehr ist es, was Veronika an der Welt entdeckt, nachdem feststeht, dass sie diese verlassen muss.

Es heißt, dass es nicht darauf ankommt dem Leben viele Stunden, sondern den Stunden viel Leben zu geben. Darum geht es in dem Film und zwar nicht auf abgeschmackte oder kitschige Weise.  Stattdessen, ist er still, eindringlich und lebt durch seine Bilder.

Mir fiel wieder einmal auf, wie viel Zeit ich verschwende, mich über dieses und jenes aufzuregen. Wie viel ich übersehe, jeden einzelnen Tag. Wäre das anders, wenn ich wüsste, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt?

Ich bin nicht so naiv, dass ich nicht genau weiß, dass ich in ein paar Tagen wieder genauso denken werde, wie vor dem Film. Dass all diese intensiven Momente, die man entdecken kann, wieder dem Alltag und der Hektik weichen werden. Aber es hat sich gelohnt, einmal wieder daran erinnert zu werden, dass die Zeit abläuft und wie kostbar jeder Moment doch ist. Gerade deswegen ist es ein Geschenk, nicht unsterblich zu sein. Wegen diesen Momenten, in denen man das Gefühl hat, man könne ewig leben.

„Manche Menschen sehnen sich ihr ganzes Leben nach einem Moment, wie du ihn erlebt hast und er kommt nie. Du hattest tausend in dir.“

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Unsere Geschichte.

Quelle

„Zuerst wollte ich unsere Geschichte schreiben, um sie loszuwerden. Aber zu diesem Zweck haben sich die Erinnerungen nicht eingestellt. Dann merkte ich, wie unsere Geschichte mir entglitt, und wollte sie durchs Schreiben zurückholen, aber auch das hat die Erinnerung nicht hervorgelockt. Seit einigen Jahren nun lasse ich unsere Geschichte in Ruhe. Ich habe meinen Frieden mit ihr gemacht. Und sie ist zurückgekommen. Detail um Detail und in einer Weise rund, geschlossen und gerichtet, daß sie mich nicht mehr traurig macht. Was für eine traurige Geschichte dachte ich lange. Nicht, daß ich jetzt dächte, sie sei glücklich. Aber ich denke, daß sie stimmt und daß daneben die Frage, ob sie traurig oder glücklich ist, keinerlei Bedeutung hat.
Jedenfalls denke ich das, wenn ich einfach an sie denke. Wenn ich jedoch verletzt werde, kommen wieder die damals erfahrenen Verletzungen hoch, wenn ich mich schuldig fühle, die damaligen Schuldgefühle, und in heutiger Sehnsucht, heutigem Heimweh spüre ich Sehnsucht und Heimweh von damals. Die Schichten unseres Lebens ruhen so dicht aufeinander auf, daß uns im Späteren immer Früheres begegnet, nicht als Abgetanes und Erledigtes, sondern gegenwärtig und lebendig. Ich verstehe das. Trotzdem finde ich es manchmal schwer erträglich. Vielleicht habe ich unsere Geschichte doch geschrieben, weil ich sie loswerden will, auch wenn ich es nicht kann.“

aus „Der Vorleser“ – Bernhard Schlink