Monatsarchiv: September 2011

The little humans.

                                                          Quelle

“He stared up at the stars: and it seemed to him then that they were dancers, stately and graceful, performing a dance almost infinite in its complexity. He imagined he could see the very faces of the stars; pale, they were, and smiling gently, as if they had spent so much time above the world, watching the scrambling and the joy and the pain of the people below them, that they could not help being amused every time another little human believed itself the center of its world, as each of us does.”

– Neil Gaiman, „Stardust“

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„An diesem Tag hatte der Tod Flügel.“ – Gedanken zum 11. September.

Ich möchte ein paar meiner Gedanken zu 9/11 und dem 10jährigen Gedenken an diesen Tag mit euch teilen.

Ich war elf Jahre alt und spielte gerade ein Tennisfinale gegen eine Freundin von mir. Worum es da ging, was für ein Turnier es war – ich weiß es nicht mehr. Aber sie und ich waren alleine auf dem Platz, keine Eltern, keine Zuschauer. Wir wussten, dass wir gegenüber einander fair sein würden, hatten wir doch schon einige Finale gegeneinander gespielt. T. hatte immer in ihrer Gruppe gewonnen, ich in meiner. So stießen wir immer wieder im Finale aufeinander.

Ich erinnere mich daran, dass es anfing zu regnen und wir beide uns einigten, das Spiel zu unterbrechen und in der Vereinshütte Schutz vor dem Wetter zu suchen. In der Hütte hörte ich ein Autoreifen und erkannte sofort den Fiesta meiner Mutter. Sie fuhr über den Kies und sprang aus dem Wagen. „Mama, ich weiß, dass es regnet. Wir wollen abwarten und dann später zu Ende spielen!“ – „Hier wird heute nicht mehr zu Ende gespielt. In New York sind Flugzeuge in Hochhäuser geflogen!“

Ich verstand kein Wort. Was hatte das mit mir bzw. dem Tennisspiel zu tun? Warum war meine Mutter so aufgewühlt von etwas, das in New York stattgefunden hatte? Meine Mutter bestand darauf, T. nach Hause zu fahren und dann mich. Ich kam ins Wohnzimmer, wo mein Vater vor dem Fernseher stand, Falten zwischen den Augen. Meine beiden älteren Brüder saßen jeweils im Sessel und auf der Couch und starrten genauso in den Fernseher. Ich hockte mich auf den Teppich, wie ich es in dem Alter oft machte, direkt vor den Bildschirm. Dort sah ich die berühmten Bilder, die Flugzeuge, wie sie immer wieder in diese Türme flogen. Die Gebäude, wie sie einstürzten und überall war Rauch und Feuer. Ich begriff nicht, was ich da sah.

Mein ältester Bruder sagte zuerst etwas. „Papa, was meinst du, was das nun heißt?“ Mein Vater räusperte sich und meinte: „Kommt ganz drauf an, was Bush jetzt tut.“ Die beiden sprachen über Amerika, Krieg und Wirtschaftszeug, das ich nicht verstand. Aber ich wusste, dass es ernst war, wenn sogar mein Vater so schockiert war. Meine Mutter fragte immer wieder, ob Bush sich denn schon wieder geäußert habe. Ich sagte nichts, sondern starrte in den Fernseher, wo schwarze Dinge aus Fenstern fielen. Diese Dinge waren Menschen, die verzweifelt aus den oberen Etagen sprangen, weil es so unerträglich heiß war und das Gebäude anfing zu schmelzen.

Das sind meine Erinnerungen an den 11. September 2001. Ich kann mir vorstellen, dass ich sie noch einmal erzählen werde, wenn meine Kinder irgendwann aus der Schule kommen und im Geschichtsunterricht über diesen Tag gesprochen haben. Sie werden vielleicht fragen: „Mama, wie alt warst du da? Hast du das mitgekriegt?“ Und ich werde erzählen, von dem Tennisfinale und von diesen schrecklichen Bildern, die ich nicht wirklich verstehen konnte.

Nun ist das Ganze 10 Jahre her. Ich bin 21 Jahre alt und erwachsen. Und doch sehe ich diese bekannten Bilder im Fernsehen und muss mich schütteln, weil es mir kalt den Rücken herunterläuft. Ich denke heute besonders an die Menschen, die in den Flugzeugen saßen und wussten, dass sie keine Chance hatten. Haben sie das World Trade Center auf sich zukommen sehen? Haben sie den Kopf eingezogen und die Augen geschlossen? Versucht an etwas Schönes zu denken, im Angesicht des Todes? Ich lasse diese Gedanken zu und sie tun mir weh.

Die Leute, die keinen Ausweg mehr gesehen haben und aus den Fenstern in den Tod gesprungen sind. Die Hitze, die sie gespürt haben müssen – Verbrennen oder Fallen, nur diese eine Wahl zu haben. Unbegreiflich.

Das alles geht mir durch den Kopf und ich bin traurig, dass diese Menschen das durchmachen mussten. Und ich bin traurig darüber, dass ich mich kaum traue, diese Gedanken zu teilen. Ich wusste schon, bevor ich Twitter am heutigen Morgen öffnete, was ich dort lesen würde. „Kommt ihr euch nicht wie Heuchler vor, wenn ihr um die Opfer trauert?!“ – „In Afrika verhungern ständig Kinder!“ – „Mich nervt dieses 9/11-Gerede.“

Den trendigen Zynismus vieler in allen Ehren – ist es so unvorstellbar zu glauben, dass es die Leute wirklich berührt, wenn sie an 9/11 denken? Wenn sie die Bilder erneut sehen, die sie damals schon fassungslos machten? Ist es verwerflich, sich an die 2977 Menschen zu erinnern, die von jetzt auf gleich in den Tod gerissen wurden? An die Feuerwehrleute, die helfen wollten und selbst in den Trümmern der Türme starben?

Jetzt kann man denken: Nein, das Erinnern daran ist nicht verwerflich. Aber es ist verwerflich, darüber zu twittern oder etwas bei Facebook darüber zu schreiben. Ich habe weder das Eine noch das Andere gemacht, sondern schreibe meine Gedanken hier nieder. Aber  ist es nicht genau das, worum es beim Twittern eigentlich geht? Seine Gedanken niederzuschreiben, bzw. ursprünglich die Frage zu beantworten: „Was machst du gerade?“ Wieso ist es heuchlerisch zu schreiben, dass man in Gedanken im September 2001 ist und bei den Opfern oder deren Familien? Ist es so unvorstellbar, dass man wirklich daran Anteil nimmt? Ist es unschicklich, das öffentlich zu formulieren, wenn doch mittlerweile alles öffentlich gemacht wird? Ich darf mich endlos darüber auslassen, dass mein Freund mich verlassen hat, was ich über die FDP denke oder ähnliches – aber es ist heuchlerisch, wenn ich schreibe, dass ich immer noch betroffen bin, wenn ich die Bilder dieses schrecklichen Tages sehe, an dem unerwartet so viele Menschen starben? Wir benutzen Facebook, Twitter und anderes für alles Mögliche, aber für Anteilnahme ist es unangebracht, ja? Ich verstehe durchaus, dass man nichts darüber schreibt, weil man die richtigen Worte nicht findet, oder nicht im Internet breittreten will, was man fühlt. Aber genauso, kann ich es nachvollziehen, dass Leute darüber reden wollen- und das bedeutet in unserem Zeitalter eben auch online. Dafür ist das Internet (und gerade Twitter) doch da, zur Verbindung von Menschen, zum Austausch und zum Äußern von Gedanken.  Ist es so, dass man nicht glauben kann, dass die Anteilnahme ehrlich ist? Ist das mit Heuchlerei gemeint? Oder ist es so schlimm, dass heute einem Ereignis in Amerika gedacht wird und nicht einem in Afrika?

Natürlich sterben jede Minute afrikanische Kinder den Hungertod. Verdienen die nicht auch Mitgefühl? Natürlich. Aber wer sagt denn bitte, dass sich das ausschließt? Ich vergesse nicht die Leidtragenden in Krisengebieten oder setze deren Leid herunter, nur weil es mir um die beinahe 3000 Menschen im reichen Amerika Leid tut. Menschenleben ist Menschenleben. Man sollte noch zeigen dürfen, dass man Anteil nimmt, ohne sofort zu hören zu kriegen „Ja, aber an die Afrikaner denkt keiner!“ Doch, ich für meinen Teil tue das.

Aber ich finde es genauso wichtig und respektvoll, an die Leute zu denken, die heute vor zehn Tagen sterben mussten und das teilweise auch genau wussten. Dass ich das Gefühl habe, mich hier in Deutschland dafür rechtfertigen zu müssen, hat mich erst wütend gemacht – dann traurig.

Willow & Tara.

Quelle

Vermutlich mein liebstes Liebespaar überhaupt. Da ich momentan einer Hausarbeit sitze, die nächste Woche abgegeben werden muss (ist es nötig, dass ich erwähne, dass ich noch keine Seite fertig gebracht habe?), folgt demnächst noch ein Eintrag darüber, wieso ich diese beiden so wundervoll finde und was sie ausmacht. Als Vorgeschmack diese Collage.

Wieder einmal Alaska.

Der Mensch, glaubte ich, braucht Sicherheit. Er erträgt die Vorstellung nicht, dass der Tod nichts sein soll als ein großes schwarzes Nichts, er erträgt den Gedanken nicht, dass seine Liebsten aufhören zu existieren, er kann sich nicht vorstellen, selbst einmal nicht mehr zu existieren. Am Ende, schloss ich, glauben die Menschen an ein Leben nach dem Tod, weil sie das Gegenteil nicht ertragen können.

– John Green, „Eine wie Alaska“