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“She hadn’t chosen the brave life. She’d chosen the small, fearful one.”

(Ich entschuldige mich im Voraus für dieses Durcheinander von Text, aber ich bringe keine anständigen Rezensionen zustande und wusste nicht mal, dass das hier eine wird, und bin von der Lektüre des Buches verwirrt und dieser Text hier wird dem Buch nicht gerechnet. Aber alles wieder zu löschen, das bringe ich auch nicht über mich.)

7007304278_3b4517f85d_nQuelle: http://www.flickr.com/photos/tjstaab/7007304278/

Wenn man älter wird, lernt man einen Satz, nur fünf Wörter, aber sie spenden mehr Trost als die meisten anderen. Ich werde sie dir sagen. Hörst du zu?“
„Ja, ich höre.“
Wenigstens hab ich es versucht.

Ich las eben ein Buch fertig.

An sich ist das keine große Sache, sollte man meinen, und ich schäme mich etwas, das als etwas besonderes herauszustellen. Aber für mich ist es das.
Die letzten Monate, eigentlich das letzte halbe Jahr, waren eine schwierige Zeit für mich. Alte Gedanken, alte Ängste und Schmerzen kamen zurück zu mir und haben mich umgeworfen. Genauso heftig wie beim ersten Mal, nur war ich diesmal wesentlich älter und habe sofort die nötigen Schritte ergriffen. Aber leichter war es dadurch nicht. (Ich komme vom Thema ab.)
Jedenfalls habe ich seit September kein Buch mehr richtig lesen können, höchstens mal bruchstückhaft abends ein paar Seiten. Deswegen macht es mich glücklich, dass ich eben den Buchdeckel zugeschlagen habe und das Gefühl hatte, dieses Buch am Stück verschlungen zu haben, wie früher.

In meinen späten Teenagerjahren stieß ich auf die Buchreihe „The Sisterhood of the Traveling Pants“ von Ann Brashares. Ich erinnere mich noch, dass ich -trotz des bescheuerten Titels- ganz begeistert vom unaufdringlichen Schreibstil der Autorin war und von ihrer Sensibilität für die Gefühle von heranwachsenden Frauen. Erste Liebe, Scheidung der Eltern, Tod, Enttäuschung, das alles war keinesfalls oberflächlich dargestellt, wie man es vielleicht aus „Teeniebüchern“ kennt, sondern mit Tiefsinnigkeit, philosophischen Gedanken und Echtheit. Ich konnte den Schmerz der vier so unterschiedlichen Protagonistinnen beim Lesen damals teilweise körperlich spüren. Carmen, Lena, Tibby und Bridget waren für mich Figuren, in denen ich mich teilweise selbst erkannte (meistens in ihren jeweiligen fein herausgearbeiteten Schwächen) und deren Entscheidungen ich an anderen Stellen wiederum nicht verstehen konnte.
Bridget, mit ihrer Unstetigkeit nach dem Selbstmord ihrer Mutter, bloß nie still stehen, weiter, immer weiter, tiefer hinein, nur nie stehenbleiben, und Tibby mit ihrer destruktiven und teils verletztenden Art sind mir immer am nächsten gewesen. Es tat manchmal weh, sich beim Lesen in einigen Verhaltensweisen selbst wiederzufinden, das sollte ich vielleicht auch erwähnen.)
Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass ich damals schon Zitate aus den Büchern herausschrieb, die mich zum Weinen, Nachdenken oder Schmunzeln brachten (eines der ersten war: „Maybe it’s easier to be mad at the people you trust because you know they’ll always love you, no matter what.” Für wahr befunden.) Dabei war ich auch immer fasziniert von den klug ausgewählten (Song/Film-)Zitaten, die die Autorin ihrerseits vor die jeweiligen Kapitel setzte. (Allein deswegen hätte ich die Bücher schon gekauft.)

Ich hielt die Serie für abgeschlossen mit dem vierten Band, hatte sie doch ein rundes Ende gefunden und mich nicht enttäuscht. Im Jahr 2011 las ich dann zufälligerweise, dass Ann Brashares einen fünften Band herausbringen würde. Ich war misstrauisch: War die Geschichte der vier Freundinnen nicht erzählt? Ich war doch zusammen mit ihnen erwachsen geworden (zumindest auf dem Papier). Auf Ann’s Blog las ich dann, dass der letzte Band ca. 10 Jahre nach dem vierten Band spielen und die vier Frauen mittlerweile 29 Jahre alt sein sollten.
Zu der Skepsis mischte sich Neugier: Sind die vier Frauen noch so wie früher? Hat Bridget endlich Halt gefunden? Was ist aus Lena und Kostos geworden? Habe ich noch eine Beziehung zu den inzwischen Dreißigjährigen?

Vorhin habe ich diesen letzten Band lächelnd zugeschlagen, nachdem ich vor einigen Tagen noch dachte, ich würde ihn nicht zu Ende lesen, weil es zu weh tat. Ich konnte nicht fassen, was Ann Brashares mir und all den anderen, die mit der Reihe aufgewachsen waren angetan hatte. Uns eine der vier zu nehmen, in ihren jungen Jahren, diese scheinbare Sinnlosigkeit. Wütend habe ich weitergelesen. Im Nachhinein, habe ich mich beim Lesen vermutlich ähnlich gefühlt wie die Figuren selbst: Schock, Ohnmacht,Trauer, Wut. Ich fühlte mich genauso vor den Kopf gestoßen wie die Übriggeblieben im Buch. War alles davor Gelogen? War das alles nicht echt gewesen und wunderbar? (Ich denke mittlerweile, dass wir Leser uns auch genauso fühlen sollten. Die Autorin wusste, was sie tat.) Brashares hat es danach auf wundersame Weise geschafft, langsam wieder Licht ins Dunkle zu lassen, Trost zu schenken und trotzdem der Trauer ihren Platz zu gewähren. (Gott, ich rede als wäre ich selbst eine Hinterbliebene, aber ich habe mich zeitweise ähnlich gefühlt.)
Ich habe um eine der vier und mit den zurückgebliebenen drei Hauptfiguren getrauert, über den Tod, restliche Zeit, Kinder und die tröstliche Funktion von „Wenigstens hab ich es versucht“ nachgedacht. Und vor allem habe ich mich den vier Frauen aus dem Buch nahegefühlt, vielleicht näher als in den Büchern bisher.Dieser letzte Band hat mir, wie die anderen zuvor auch, etwas geschenkt. Etwas, mit dem ich bei der Hälfte des Buches nie gerechnet hätte. Diesmal heißt das Geschenk Zuversicht und ich bin dankbar dafür.

Ich wünschte mir, es würden mehr Heranwachsende diese Bücher lesen, und genau aus diesem Grund bedaure ich die Art, wie die deutschen Ausgaben gestaltet wurden. Von außen sehen die Bücher aus wie Kinderbücher, was definitiv irreführend ist. Der Tief- und Feinsinnigkeit, die in ihnen steckt, wird das nicht im Geringsten gerecht. Besonders der vierte Band, der sich an die mit den Figuren mitgewachsenen Leser richtet, die nun selbst in ihren Zwanzigern sein dürften, wirkt in seiner Gestaltung wie ein Witz. Man muss sich nur klarmachen, dass es um junge Frauen geht, um Trauer und Verlust sowie Leben und Freundschaft über den Tod hinaus. Oder wie Ann Brashares vor einem Kapitel T. S. Eliot zitiert:

„I had seen birth and death, but had thought they were different.“

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Persönliches.

„Die ganze Zeit – nicht erst, seit sie fort war, sondern die ganzen letzten zehn Jahre – hatte ich mir ein Bild von ihr gemacht, ohne ihr zuzuhören und ohne zu merken, dass ihre Fenster genauso trübe waren wie meine. Deshalb fiel es mir so schwer, mir vorzustellen, dass auch sie ängstlich war, dass auch sie sich einsam fühlen konnte in einem Raum voller Menschen, dass sie nichts von ihrer Plattensammlung erzählte, weil es ihr zu persönlich war. […]Und plötzlich ahnte ich, wie Margo Roth Spiegelmann sich fühlte, wenn sie nicht Margo Roth Spiegelmann war: Sie fühlte sich, als wäre sie von einer unbezwingbaren Mauer umgeben.  […] Ja. Der Fehler, den ich die ganze Zeit gemacht hatte – zu dem sie mich verleitet hatte, musste man fairerweise sagen -, war der: Margo war kein Wunder. Sie war kein Abenteuer. Sie war kein zartes und kostbares Ding.  Margo war ein ganz normaler Mensch.“

– John Green: Margos Spuren

Wieder hervorgekramt. Diesmal, um für mein Seminar „Kinder- und Jugendliteratur“ eine Rezension zu schreiben.

Kurzmitteilung

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Anfänge.

Quelle

Zwei Freundinnen haben auf ihrem Blog die ersten Sätze ihrer Lieblingsbücher gepostet und weil mir das so gut gefallen hat, sind hier nun meine.

Es gab nichts mehr zu sagen.

In neunzehn Minuten kann man den Rasen vor dem Haus mähen, sich die Haare färben, Brötchen backen, sich vom Zahnarzt eine Füllung machen lassen oder die Wäsche für eine fünfköpfige Familie zusammenlegen.

Es war einmal eine Hose.

Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar.

Die junge Frau am Steuer des Thunderbird-Cabrio näherte sich dem Terminal in sportlichem Tempo.

Eine Woche bevor ich Florida verließ, um den Rest meiner Jugend in einem Internat in Alabama zu verbringen, ließ sich meine Mutter nicht davon abbringen, eine Abschiedsparty für
mich zu geben.

The playback: late night, Brooklyn, a pot of coffee, and a chair by the window.

Archie weiß bis zu diesem Moment nicht mit Sicherheit, dass sie es ist.

Ich habe einen meiner Träume.

Der Regen hatte schon am frühen Morgen eingesetzt und wurde jetzt von heftigen Sturmböen gegen die Windschutzscheibe seines Wagen gepeitscht.

Ein menschlicher Körper beginnt fünf Minuten nach dem Tod zu verwesen.

„Ich glaube, das Wichtigste ist, irgendwas zu verändern“, sagte sie.

(Wie immer beschleicht mich das Gefühl, einige Bücher vergessen zu haben.) Während ich diese Sätze aufschrieb, kam mir der Gedanke, das auch mal mit meinen Lieblingsserien und -filmen zu tun. Fortsetzung folgt also.

 

The little humans.

                                                          Quelle

“He stared up at the stars: and it seemed to him then that they were dancers, stately and graceful, performing a dance almost infinite in its complexity. He imagined he could see the very faces of the stars; pale, they were, and smiling gently, as if they had spent so much time above the world, watching the scrambling and the joy and the pain of the people below them, that they could not help being amused every time another little human believed itself the center of its world, as each of us does.”

– Neil Gaiman, „Stardust“

Wieder einmal Alaska.

Der Mensch, glaubte ich, braucht Sicherheit. Er erträgt die Vorstellung nicht, dass der Tod nichts sein soll als ein großes schwarzes Nichts, er erträgt den Gedanken nicht, dass seine Liebsten aufhören zu existieren, er kann sich nicht vorstellen, selbst einmal nicht mehr zu existieren. Am Ende, schloss ich, glauben die Menschen an ein Leben nach dem Tod, weil sie das Gegenteil nicht ertragen können.

– John Green, „Eine wie Alaska“

Unsere Geschichte.

Quelle

„Zuerst wollte ich unsere Geschichte schreiben, um sie loszuwerden. Aber zu diesem Zweck haben sich die Erinnerungen nicht eingestellt. Dann merkte ich, wie unsere Geschichte mir entglitt, und wollte sie durchs Schreiben zurückholen, aber auch das hat die Erinnerung nicht hervorgelockt. Seit einigen Jahren nun lasse ich unsere Geschichte in Ruhe. Ich habe meinen Frieden mit ihr gemacht. Und sie ist zurückgekommen. Detail um Detail und in einer Weise rund, geschlossen und gerichtet, daß sie mich nicht mehr traurig macht. Was für eine traurige Geschichte dachte ich lange. Nicht, daß ich jetzt dächte, sie sei glücklich. Aber ich denke, daß sie stimmt und daß daneben die Frage, ob sie traurig oder glücklich ist, keinerlei Bedeutung hat.
Jedenfalls denke ich das, wenn ich einfach an sie denke. Wenn ich jedoch verletzt werde, kommen wieder die damals erfahrenen Verletzungen hoch, wenn ich mich schuldig fühle, die damaligen Schuldgefühle, und in heutiger Sehnsucht, heutigem Heimweh spüre ich Sehnsucht und Heimweh von damals. Die Schichten unseres Lebens ruhen so dicht aufeinander auf, daß uns im Späteren immer Früheres begegnet, nicht als Abgetanes und Erledigtes, sondern gegenwärtig und lebendig. Ich verstehe das. Trotzdem finde ich es manchmal schwer erträglich. Vielleicht habe ich unsere Geschichte doch geschrieben, weil ich sie loswerden will, auch wenn ich es nicht kann.“

aus „Der Vorleser“ – Bernhard Schlink